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Stichwort:
Jakobsweg
Jakobus und sein Bruder Johannes waren Fischer am See Genezareth und gehörten zu den erstberufenen Jüngern oder besser gesagt zu den zwölf Aposteln. Er verschrieb sein Leben der Verbreitung der Lehre Christi und wurde schließlich 44 nach Christus unter der Herrschaft des römischen Kaisers Herodes Agrippa I mit dem Schwert hingerichtet.
Im 8. Jahrhundert wurden die Überlieferungen, dass der Heilige Jakobus in Spanien missioniert haben soll, von den christlichen Königen gerne aufgegriffen, um nach den arabischen Einfällen, eine christliche Identifikationsfigur zu schaffen. Warum sich das Apostelgrab in Santiago befinden soll, obwohl Jakob doch in Jerusalem hingerichtet wurde und wie der Leichnam nach Spanien gekommen ist, wird wohl immer eine Legende bleiben- aber es tut dem immer stärker werdenden Pilgerstrom keinen Abbruch.
Seit dem 10. Jahrhundert gibt es nachweislich die ersten Pilger, die sich zum Grab des heiligen Jakobs aufgemacht haben. Nach einer Blütezeit des Pilgerns bis hin zum 15. Jahrhunderts, kam es kurzfristig zum Niedergang der Pilgeridee. Die Wiederentdeckung der Gebeine des Apostels im Jahre 1879 führte zu einem neuerlichen Aufleben des Pilgerwesens. Dieser Aufschwung hält bis heute ungebrochen an.
Spitzenjahr war bisher das Jahr 2004 mit 179.944 offiziellen Pilgern. 2004 war ein so genanntes heiliges Jahr, das sind jene Jahre in dem der Feststag des heiligen Jakobs (25. Juli) auf einen Sonntag fällt oder die Jahreszahl mit 00 endet.
Aber es gibt mehrere Wege die zum Grab des Heiligen Jakobus führen. Wie viele Menschen auf den Wegen gehen, zählt keiner nach. Hundert Markierer sind ehrenamtlich unterwegs. Ob die Routen die alten sind? Ach was, sagen Historiker. Im Mittelalter und noch Jahrhunderte später war es doch viel zu gefährlich, durch den Wald zu laufen. Wer pilgerte, hielt sich auf belebten Wegen. Die sind heute gut ausgebaute Straßen mit jeder Menge Verkehr, so dass Pilger lieber abseits davon durch die Natur gehen. Aber die Stationen stimmen, sie sind die alten.
Die Kirchen sind geheiligte Orte und Quellen. Auch wenn die Pilgerspitale, in die man früher einkehrte, längst geschlossen sind. Heute freuen sich die Gasthöfe an der Strecke über steigende Gästezahlen.
Ein Ziel des Pilgerns ist sicher das Ankommen, vor allem aber - in unserer hektischen Zeit - das Zu- sich-selbst-kommen. Das Buch von Hape Kerkeling, sagen Pilger, könne man gleich in die Ecke pfeffern. Es sei zu seicht!
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Weitere Informationen
zum Pilgern:
Drei schöne Pilgerrouten:
Via Nova (Deutschland / Österreich) von Metten bis St. Wolfgang (257 km):
www.pilgerweg-vianova.eu Pilgerweg (Deutschland) von Görlitz nach Vacha (420 km):
www.oekumenischer-pilgerweg.de (Spanien) von
St.Jean-Pied-de-Port nach Santiago de Compostela (500 km):
www.jakobus-info.de
Ökumenischer
Jakobsweg
Evangelische Theologen entdecken das “Beten mit den Füßen”
Von Holger Jörn Becker-von Wolff (Text)
und Detlef Knoche (Fotos)
Pilgern hat Konjunktur. Und das nicht erst seit Komiker Hape Kerkeling seine Erfahrungen als Pilger auf dem Jakobsweg nach Santiago beschrieben hat. Immer mehr Menschen machen sich auf die Socken. Nicht nur Katholiken, sondern auch evangelische Christen entdecken das meditative Wandern für sich neu. Darunter sind auch viele evangelische Theologen, die sich im Rahmen des Pastoralkollegs „Beten mit den Füßen“ von Konstanz aus auf den Pilgerweg nach Flüeli / Ranft in der Schweiz aufgemacht haben. Propst Michael Karg war im Juli mit einer Gruppe von acht Pfarrerinnen und 12 Pfarrern aus der EKHN dort und wird im September wieder mit einer Gruppe evangelischer Theologen dort sein.
„Beten mit den Füßen“ ist das Angebot überschrieben, zudem der Propst aus Nord-Nassau die Pfarrerinnen und Pfarrer einlädt. „Unsere Pfarrer und Pfarrerinnen werden alle zehn Jahre zu Pastoralkollegs eingeladen, die verpflichtend sind. Jeder Propst, jede Pröpstin bietet jährlich ein Pastoralkolleg an“, erklärt Michael Karg, „es gibt theologisch- diskursive, aber auch spirituell ausgerichtete Angebote.“ Allerdings erlebt er ein gestiegenes Interesse an der Pilgerreise. Ein kommendes Angebot im September ist lange ausgebucht. Propst Michael Karg: „Pilgern ist für viele evangelische Christen ein Fremdwort. Man kennt Wallfahrten und Prozessionen als etwas typisch Katholisches. Luther hat selbst 1510 eine Fußwallfahrt nach Rom unternommen und sie sehr kritisch kommentiert.“ Eines ist für evangelische Christen unstrittig: Pilgern ist kein Mittel, um die göttliche Nähe oder gar die Rechtfertigung im Glauben zu erwerben. „Das mit Wallfahrten verbundene Ablasswesen ist evangelischen Christen fremd und ist seit der Reformation obsolet“, sagt Karg. Der Theologe fügt aber an: „Viele evangelische Christen verspüren einen Mangel ihrer Existenz an Erdung. Sie leiden darunter, dass eine innige Erfahrung der Nähe Gottes, seiner Gegenwart und Liebe oft fehlt.“ Pilgerwege sprächen die Sehnsucht der Menschen an, nach einer Erfahrung von Heil und Heilung, von Klärung und Antwort, von Sinnerfüllung und persönlicher Gotteserfahrung. „Die Idee zum evangelischen Pilgern kam ursprünglich von Paul Martin Clotz, der bis 2005 Pfarrer für Geistliches Leben im Zentrum Verkündigung (ehemals Amt für missionarische Dienste) in der EKHN war, er hat das Pilgern wieder entdeckt.“ Zunächst gab es erste hessische Pilgerwege, die Pfarrer Clotz initiiert hat. Gemeinsam mit Propst Klaus Eibach aus Gießen (Propstei Oberhessen) wurde die Idee des Pilgerns auf Pastoralkollegs übertragen und umgesetzt.
Seit etwa fünf Jahren gibt es die Pastoralkollegs „Beten mit den Füßen“. Sie führen auf einem Zweig des alten Jakobsweges von Konstanz nach Flüeli / Ranft in der Schweiz. „Seit dem Mittelalter führt dieser Teil des Jakobsweges als ,Schwabenweg’ von Konstanz durch den Thurgau nach Rapperswil am Zürichsee, um sich dort mit dem von Rorschach kommenden Weg zum Jakobsweg zu vereinen“, berichtet Karg, „von hier aus führt der Weg dann weiter in die Westschweiz über Genf nach Frankreich, dort bis zu den Pyrenäen und in Spanien dann nach Santiago de Compostella, dem Grab des Apostels Jakobus.“ Von Konstanz aus wären das etwa 2400 Kilometer. Die ausgewählte Strecke für die evangelischen Theologen ist mit annähernd 200 Kilometern deutlich kürzer. Aber auch hier gilt: Der Weg ist das Ziel. Die Pilgergruppe ist neun Tage unterwegs, es werden am Tag etwa 25 Kilometer zurückgelegt. Ein Ziel sei das Ankommen, vor allem aber - in unserer hektischen Zeit - das Zu-sich-selbst-kommen. „Die Strecke ist zudem noch mit einigen Höhenmetern verbunden - von der Seehöhe bis über 1400 Metern und den damit verbundenen winterlichen Temperaturen bei knapp über Null Grad, Regen und Neuschnee auf den etwas höher gelegenen Bergen“, sagt Michael Karg. Nicht nur die Landschaft, auch die Unterkünfte sind sehr unterschiedlich gestaltet: Die Pilger übernachten in Hotels mit gut eingerichteten Doppelzimmern sowie eigener Dusche und Toilette, aber auch in Gemeinschaftsräumen von Jugendbildungsstätten und Jugendherbergen oder ganz schlicht auf dem Heuboden von Bauernhöfen. Für manchen Gemeindepfarrer ist das „Schlafen im Stroh“ ein ganz besonderes Erlebnis: „Man lernt sehr schnell, sich in der Gruppe zu arrangieren, wenn man sich Ruheraum, Dusche und Toilette mit der Gruppe teilt“, sagt Pfarrer Wieland Schäfer aus Eibelshausen. Er war einer der zwanzig Teilnehmer, die bereits im Juli auf dieser besonderen Pilgerreise unterwegs waren. „Die Stille klingt noch nach“, sagt Schäfer im Rückblick auf seine erste Pilgerreise. Besonders beeindruckt ist der Gemeindepfarrer aus dem Dekanat Dillenburg von den geistlichen Impulsen, den Schweigezeiten und den gemeinsam gefeierten Gottesdiensten mit Abendmahl in einer der am Wege liegenden Kapellen oder in den Kirchen an den Übernachtungs-Orten. Die regelmäßigen Abendmahlsfeiern wirken wohltuend. Nicht dauernd etwas Neues, vertraute Worte und ein vertrautes Ritual, lassen den Zugang zur Liturgie wieder intensiver werden. „Die katholischen Gemeinden auf dem Weg sind sehr gastfreundlich“, berichtet auch Pfarrer Norbert Kirr aus Herborn-Hörbach, „eine Messnerin war von unserer Feier so angetan, dass sie am Abendmahl teilnahm.“ Die Schweigezeiten helfen, ein Wort, einen Impuls zu bedenken, in aller Ruhe, ohne Hast. Nicht gleich diskutieren müssen, sondern es wirken lassen. Mancher Theologe entdeckt bei den gemeinsamen Gebeten zwischendrin im Freien und vor allem in den Kirchen und Kapellen, wie schön es ist gemeinsam und mehrstimmig Lieder aus dem Gesangbuch zu singen: „Ich habe gespürt, wir haben ein gemeinsames Liedgut. Wir haben einen reichen Schatz unseres Glaubens. Wer singt, der lebt! Das habe ich gespürt“, sagt einer der Teilnehmer.
Aber auch die Gespräche seien wichtig: Die in der Gruppe am Abend, wenn der Tag noch einmal reflektiert wurde oder auch die Begegnungen unterwegs beim Gehen mit den Weggefährten. „Wenn Pfarrer und Pfarrerinnen im kirchlichen Alltag zusammen kommen, wird zu häufig diskutiert, es gibt schnell Profilierungskämpfe“, sagt eine Teilnehmerin, „hier auf dem Weg waren wir Gleiche unter Gleichen“. Sie werde versuchen, diese Erfahrung mit in ihre Gemeinde und in ihren Pfarrkonvent zu nehmen.
Die Gepäckbeförderung von einem Ort zum anderen mit einem Begleitfahrzeug ist ein Luxus, den sich die Wallfahrer erlauben. Dr. Wolfgang Leineweber, Pfarrer im Unruhezustand, transportiert die Koffer der Teilnehmenden im Auto. Nur Regenschutz, wärmende Pullis, trockene Kleidung zum Wechseln, Sonnenschutz, Getränke und Verpflegung sowie eventuell ein Taschenschirm oder andere persönliche Dinge kommen in den Rucksack. Die Wahl der mitzunehmenden Dinge für den Tag muss gut überlegt sein, schließlich muss jedes unnötige Gramm den ganzen Tag mitgetragen werden. „Das im Juli erlebte Pastoralkolleg war geprägt von viel Regen und nur einem schönen Sonnentag“, berichtet Michael Karg, „wir haben kaum zu überquerende, zu Tal schießende Bergbäche gesehen und ab und zu den eisigen Wind gespürt. Dennoch wurde niemand krank, und auch die sonst üblichen Fußprobleme wie wunde Füße oder Blasen an den Füßen - alles hielt sich in Grenzen.“ Diese Widrigkeiten haben der guten Atmosphäre in der Gruppe keinen Abbruch getan. Die Gemeinschaft trägt und motiviert, gerade dann wenn es am Folgetag wieder regnet – und man allein lieber in der Unterkunft bleiben würde.
Vielleicht ist das auch das Reizvolle am Pilgern, sagt Karg: „Auf Pilgerwegen gibt es persönliche Grenzerfahrungen. Der eigene, in der Regel wenig trainierte Körper kommt an Grenzen, wenn die Anstiege steil und schier endlos sind, die Wege lang werden und der Regen oder der Wind unterbitterlich sind.“ Auch die geistliche Existenz stoße an Grenzen beim Nachdenken über biblische Impulse und dem Versuch, sie mit dem eigenen Leben in Verbindung zu bringen. Die Teilnehmenden einer Pilgerfahrt wissen, diese Erfahrungen helfen, sich Neuem zu öffnen. Das Miteinander in der Gemeinschaft ist förderlich, zur eigenen seelischen Beweglichkeit zurückzufinden. Denn wer pilgern will, muss aufbrechen. „Aufbrechen verlangt Loslassen und Herausgehen aus gewohnten Lebenszusammenhängen und Lebensstilen. Wer das zulässt, öffnet sich auch für den Glauben neu. Das ist faszinierend“, sagt der Propst. Karg ist überzeugt, „als evangelische Pilger greifen wir eine alte Tradition auf, die wir gemeinsam mit der römisch-katholischen Kirche haben. Wir kommen auf das zurück, was allen gottsuchenden Menschen, unabhängig von ihrer konfessionellen Ausprägung, zu allen Zeiten gemeinsame Erfahrung war: Wer unterwegs ist, öffnet sich neuen Erfahrungen.“ Dazu gehöre auch das einfache Leben. Es hilft den Pilgern, auf Wesentliches zurückzukommen. Die intensive Erfahrung der Natur trägt dazu bei, das Lob des Schöpfers wieder bewusster zu sprechen und zu singen.“ Und das völlig unabhängig vom eigenen Frömmigkeitsstil, den man selbst bevorzuge. Am Ende bleibt jedem die ganz persönliche Erfahrung. Das Umschlagen vom bloßen Wanderer zum echten Pilger. Manche und mancher der Teilnehmenden ist stolz, durchgehalten zu haben. Und vielleicht hat das Pilgern sie motiviert, in Zukunft anders zu denken und sich im Alltag anders zu verhalten.
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