
Vorgestellt | Karl-Peter Chilla
Eigentlich ist er Kaufmann. Aber das schadet ihm nicht bei dem, was er jetzt macht. Ganz im Gegenteil. "Es ist ganz gut, dass ich mich auch mit Zahlen auskenne", sagt Karl Peter Chilla. Der Vater dreier erwachsener Kinder ist Kirchenmusiker und angestellt bei der Gemeinde Dillenburg. Außerdem ist er Propsteikantor von Nord-Nassau und hat einen Lehrauftrag für Kinderchorleitung an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Frankfurt.
In Dillenburg leitet er zehn Chöre, jawohl: zehn. Als er 1982 über Berlin und Bremen in die Oranjestadt gekommen war, betrat Chilla ein kirchenmusikalisches Entwicklungs-land. Die Orgel war in einem desolaten Zustand und es galt, Chorarbeit aufzubauen. Knapp zwei Jahrzehnte später sieht die Situation völlig anders aus: Unterstützt von Pfarrern, Mitarbeitern, Gemeindegremien und der Stadt, hat Chilla Dillenburg zum Kulturschwerpunkt im Einzugsgebiet gemacht. "Das ist halt mein Leben" sagt Karl-Peter Chilla auf die Frage, wie er es schafft, all die Chöre zu leiten, ein blühendes Konzertleben in Dillenburg auf die Beine zu stellen, die Gottesdienste musikalisch auszugestalten und alle möglichen gemeindlichen Aktivitäten musikalisch zu begleiten.
Dieses Leben prägt auch andere. Viele Kinder und Jugendliche gehen unter seiner Anleitung die ersten musikalischen Schritte. Einige können auf diesen Grunderfahrungen ein Studium aufbauen und selbst Musiker werden. Immer kann Chilla die Früchte seiner Arbeit nicht ernten. Manchmal komme er sich vor wie der Leiter einer "Fabrik für Chorsänger auf dem Land". Von diesem Unternehmen profitierten dann die Chöre in den Universitätsstädten, in die die Sängerinnen und Sänger oft zum Studium abwanderten. Chillas Angebote zur musikalischen Freizeitgestaltung machen den größten Teil seiner Arbeit aus. Es trifft sich gut, dass Musikmachen nicht nur - wie andere Hobbys - Selbstzweck ist, sondern dass auch andere Menschen davon profitieren können. Die Dillenburger haben etwas von Chillas Arbeit, zum Beispiel beim Besuch der jährlichen Oratorienaufführungen. Aus Platzgründen finden sie in der großen katholischen Kirche statt: Die evangelische Stadtkirche mit ihren nur 400 Sitzplätzen könnte die Besuchermenge gar nicht fassen. Die Veranstaltung "Bach-Kantate zum Mitsingen" aktiviert fremde Sänger, die sich in Eigenstudium auf diese Veranstaltung vorbereiten. Karl Peter Chilla gibt ihnen damit die Möglichkeit, auch einmal an Aufführungen größerer Werke teilzuhaben, was sonst so nicht möglich wäre. Bei 40 bis 45 Gottesdiensten gestaltet der gebürtige Hertener mit seinen Chören den musikalischen Rahmen.
Die evangelische Stadtkirche in Dillenburg ist Chillas "Arbeitszentrum", ein angenehmer Platz. Die Kirche heißt zugleich Johanniskirche, hat ein gotisches Kirchenschiff und zeigt seit der Restaurierung von 1989 wieder die freigelegte üppige Barockmalerei. Sie bietet die Bühne für eine Konzertreihe auf der modernen Oberlinger-Orgel, die man so gar nicht hinter dem reich verzierten Orgelprospekt von 1719 vermutet. Die Johanniskirche ist übrigens eine Art Wallfahrtsort niederländischer Bürger. Königin Beatrix war 2000 zu Gast in der Stadt, um die Statue eines königlichen Vorfahren zu enthüllen.
Die Johanniskirche ist auch der Ort musikalischer Weihnachtsveranstaltungen. Ein offenes Singen für Erwachsene am zweiten Feiertag unter dem Weihnachtsbaum ist der Abschluss der kirchenmusikalischen "Saison", die mit dem Weihnachtssingen der 1000 Lämpchen beginnt. Kinder kommen scharenweise mit Glöckchen und Angehörigen in und an der Hand vor Weihnachten in den geschmückten Raum. Sie singen dort Lieder und lassen sich von der weihnachtlichen Stimmung einfangen. "Mein Herz hängt daran", sagt Chilla, "auch wenn manche behaupten, dies sei kitschig." Musikalische Basisarbeit und gemeindliches Singen sind wichtige Elemente von Chillas Arbeit. Konzerte sind weitere Schwerpunkte. Es stehen Veranstaltungen auf dem Programm, die Begegnungen mit prominenten Einzelkünstlern, Ensembles und bildenden Künstlern der Moderne ermöglichen. Spartenübergreifende Veranstaltungen wie "Nachtmusik & Nachtgedanken" und "Orgelmusik & Tanz" sind beliebt. Und was sagt seine Frau Annette zu dem ständigen Einsatz, der nicht mit einer 40- Stunden-Woche zu bewältigen ist? "Sie akzeptiert es, dass wir uns nicht allzu häufig sehen", sagt der Kirchenmusiker, obwohl er auch viel zu Hause arbeite. Sie sei im sozialen Bereich tätig und da gebe es ganz andere Berührungspunkte. Und das sei auch gut so. "Denn so schmoren wir nicht im eigenen Saft", sagt er und schmunzelt.
Christine Finkbeiner und Andrea Seeger
> Chorangebote in Dillenburg: Frauengospelchor Frauensingkreis Johanniskantorei (Oratorienchor) Kammerchor (Frauenchor) Früherziehung Kinderkantorei 1 (1.+ 2. Klasse) Kinderkantorei 2 (3.+ 4. Klasse) Figuralchor (Kinder- und Jugendchor) Stimmbildung Figuralchor Chorleiterschule
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